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Das Attentat und der versuchte Staatsstreich vom 20. Juli 1944 waren die stärksten Äußerungen des Widerstands von Deutschen gegen das Regime Adolf Hitlers in der Zeit des Nationalsozialismus. Die Beteiligten der Verschwörung stammten aus vielen Schichten der Bevölkerung und hatten vielfach Kontakte zum Kreisauer Kreis um Helmuth James Graf von Moltke. Unter den 200 später wegen der Erhebung Hingerichteten waren ein Generalfeldmarschall (Erwin von Witzleben), 19 Generäle, 26 Oberste, zwei Botschafter, sieben Diplomaten, ein Minister, drei Staatssekretäre sowie der Chef der Reichskriminalpolizei; des Weiteren mehrere Oberpräsidenten, Polizeipräsidenten und Regierungspräsidenten. Voraussetzung für den geplanten Machtwechsel war ein erfolgreiches Attentat auf Hitler. Die von Claus Schenk Graf von Stauffenberg platzierte Bombe tötete den Diktator jedoch nicht. Diese Tatsache und das Zögern beim Auslösen der „Operation Walküre“, des Plans zum Staatsstreich, ließen den Umsturzversuch scheitern.
Bundesdeutsche Blockausgabe zum 20. Jahrestag des Attentats auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944. Der Block zeigt neben anderen Widerstandskämpfern Ludwig Beck und Claus Graf Schenk von Stauffenberg.
Bearbeiten VorgeschichteSchon 1938 regte sich erster Widerstand in den Kreisen der ranghöchsten Offiziere der Wehrmacht gegen die Kriegsvorbereitungen der regierenden Nationalsozialisten. Anlass waren die Entlassung des Reichskriegsministers, General Werner von Blombergs, und die angebliche Affäre um General von Fritsch im Frühjahr 1938 (Fritsch-Blomberg-Affäre). Diese nutzte Adolf Hitler zur Entmachtung der Wehrmachtsführung, die sich Hitlers gezielter Vorbereitung eines Krieges widersetzte. Im Herbst trat der Chef des Generalstabs der Wehrmacht, Generaloberst Ludwig August Theodor Beck, angesichts der sich ankündigenden Sudetenkrise zurück. Beck hatte von Adolf Hitler Aufklärung über dessen außenpolitischen Ziele verlangt. Daraufhin war ihm von Hitler beschieden worden, dass er „das Schwert zu führen habe, wo und wann immer er, Hitler, es ihm befehle“. Nach Becks Rücktritt war der Weg frei für das Besetzen wichtiger Positionen mit Hitler ergebenen Admiralen und Generälen. Erwin von Witzleben, Kommandeur des Wehrkreises III (Berlin), und Walter Graf von Brockdorff-Ahlefeldt, Kommandant der Potsdamer Garnison, wollten den Umsturz im September 1938, auf dem Höhepunkt der Sudetenkrise, anführen. Eine Panzerdivision unter Generaloberst Erich Hoepner stand für den Fall bereit, dass die Leibstandarte eingreifen würde. Geplant waren eine militärische Aktion und die Gefangennahme Hitlers durch den Generalstabschef des Heeres, Franz Halder. Des Weiteren entschloss sich Major Hans Oster von der Abwehr, mit Staatssekretär Ernst von Weizsäcker im Auswärtigen Amt zu kooperieren. Der Bruder seines Vertrauten Erich Kordt, Dr. Theo Kordt, war Botschaftsrat in London. Dieser hatte den Auftrag, mit dem englischen Außenminister Lord Halifax Verbindung aufzunehmen. Überraschend reiste der englische Premierminister Neville Chamberlain im September 1938 nach München, wo im Münchener Abkommen die Abtretung des Sudetenlandes an das Deutsche Reich vereinbart wurde. So erhielt Hitler auf friedlichem Wege, was er ursprünglich gewaltsam hatte einnehmen wollen. „Die Bevölkerung, die angesichts der drohenden Gefahr zunächst zögerlich geworden war, konnte ihrer Begeisterung für den Führer nun wieder freien Lauf lassen.“[1] Damit war das Staatstreichunternehmen schon gescheitert, bevor es begonnen hatte.[2] Vor der Polen-Krise im Sommer 1939 kam es zu einem neuen Versuch des Widerstandes, Hitlers Pläne zu durchkreuzen. Gerhard Graf von Schwerin, Leiter der Gruppe England/Amerika im Generalstab des Heeres, wurde nach London geschickt. Er überbrachte die Botschaft: „Schickt ein Flottengeschwader nach Danzig ... Treibt den Militärpakt mit der Sowjetunion voran. Das einzige, was Hitler von weiteren Abenteuern abhalten kann, ist ein drohender Zweifrontenkrieg.“[3] Er scheiterte genau wie der Politiker Carl Friedrich Goerdeler, der es kurz nach ihm versuchte. Auch im Vorfeld des Frankreichfeldzuges kam es im Winter 1939/1940 zu einer Verschwörung. Hitler wollte Frankreich bereits im November 1939 angreifen lassen. Die Spitze der Wehrmacht hielt dieses Vorhaben für absolut undurchführbar. Anfänglich erklärten sich der Oberbefehlshaber des Heeres, Walther von Brauchitsch, und sein Stabschef Franz Halder bereit, Hitler zu verhaften, sobald er den Angriffsbefehl geben werde. Als Hitler Brauchitsch abkanzelte und drohte, den „Geist von Zossen“ – dort befand sich der Generalstab – auszurotten, brach von Brauchitsch die Verbindung zum Widerstand ab. In der gleichen Zeit gab Oberst Hans Oster von der Abwehr die ihm bekannten Angriffstermine über einen befreundeten holländischen Offizier an die Westmächte bekannt. Da der Angriff fast dreißigmal wegen der ungünstigen Wetterverhältnisse verschoben wurde, verloren seine Angaben an Glaubwürdigkeit. Im Juni 1942 brachte Adam von Trott zu Solz unter Lebensgefahr eine Denkschrift nach London. Der englische Außenminister Anthony Eden lehnte jedoch jede Antwort an die Leute ab, die er für Landesverräter hielt. Er bezeichnete eine Zusammenarbeit als unmöglich, „solange sie sich nicht decouvrieren und ein sichtbares Zeichen ihrer Absicht, bei der Entmachtung des Nazi-Regimes mitzuwirken, geben.“[4] Mitte 1942 begann eine Gruppe von Verschwörern, für die heute die Namen Henning von Tresckow und später Claus Schenk von Stauffenberg stehen, Pläne zu verwirklichen, die den Tod Adolf Hitlers zum Ziel hatten. Mehrere Versuche dieser Gruppe, Hitler zu beseitigen, schlugen fehl: Am 13. März 1943 schmuggelten Tresckow und Schlabrendorff bei einem Frontbesuch des Diktators in Smolensk eine als Cognacflasche getarnte Ein-Kilogramm-Bombe in das Flugzeug Hitlers, deren Zündmechanismus versagte. Acht Tage später wollte sich von Gersdorff anlässlich einer Ausstellungseröffnung von Beutewaffen im Berliner Zeughaus mit Hitler in die Luft sprengen. Hitler verließ das Zeughaus, kurz bevor der bereits geschärfte und auf zehn Minuten eingestellte Zeitzünder die Bombenexplosion auslösen konnte. Gersdorff gelang es im letzten Augenblick, die Bombe zu entschärfen. Wenn bis Sommer 1943 die Initiativen von dem an der Ostfront eingesetzten Tresckow ausgingen, so übernahm ab September 1944 Stauffenberg mit seiner Versetzung nach Berlin mehr die Organisation von Attentat und Putsch. Während das Attentat von einem anderen, der wegen der höheren Erfolgschancen zur Selbstopferung bereit war ausgeübt werden sollte, sollte es Stauffenbergs Hauptverantwortung sein nach gelungenem Attentat den Putsch von der Bendlerstrasse in Berlin aus zu dirigieren. Stauffenberg verpflichtete zunächst einen jungen Offizier, Axel von dem Bussche im November 1943 das Attentat auszuführen. von dem Bussche, war in der Ukraine zufällig Zeuge einer Massenerschießung von 3000 Juden durch den SD geworden, danach war er ein erbitterter Gegner des Regimes geworden. Auf Anregung Stauffenbergs erklärte er sich zu einem Selbstmordattentat bereit. Bei einer Vorführung neuer Winteruniformen für die Wehrmacht im Führerhauptquartier Wolfsschanze wollte er Hitler mit einer selbstgebastelten kleinen Bombe mit Handgranatenzünder töten. Am Tag vor der geplanten Uniformvorführung im November 1943 wurde der Eisenbahnwagon mit den Uniformen bei einem Luftangriff zerstört. Ein für Februar 1944 geplanter zweiter Attentatsversuch konnte nicht ausgeführt werden, weil von dem Bussche Ende Januar 1944 an der Ostfront schwer verwundet wurde. Stauffenberg soll am 26. Dezember 1943 in der Wolfsschanze ein Attentat versucht haben. Es scheiterte, weil Hitler, als Stauffenberg schon im Vorzimmer wartete, die Besprechung absagte. Hitler hatte sich kurzfristig entschlossen, an diesem Tag nach Berchtesgaden zu fliegen. Im Februar 1944 trat von Stauffenberg an Ewald-Heinrich von Kleist heran. Auf Anraten seines Vaters („Ja, das mußt Du tun!“) stellte sich Kleist für ein Selbstmordattentat zur Verfügung, das fast nach dem gleichen Muster wie das von von dem Bussche beabsichtigte geplant war. Das Vorhaben scheiterte, weil der Uniformvorführtermin von Hitler von Tag verschoben wurde. Stauffenbergs Ordonnanzoffizier Leutnant von Haeften, der sich bei der Exekution im Bendlerblock in den ersten Minuten des 21. Juli 1944 schützend vor ihn werfen sollte, lehnte das Ansinnen Stauffenbergs, er, von Haeften, aus religiösen Gründen ab. Rittmeister von Breitenbuch, Ordonnanzoffizier des Generalfeldmarschalls Ernst Busch, wollte Hitler bei einem für den 11. März 1944 angesetzten Lagevortrag auf dem Obersalzberg mit einer Pistole erschießen. Doch am fraglichen Tag wurde ihm überraschend der Zutritt zum Besprechungssaal verwehrt. Hitler habe befohlen, so wurde ihm von einem SS-Mann bedeutet, dass die Besprechung ausnahmsweise ohne Ordonnanzoffiziere abgehalten werde. Am 7. Juli 1944 entschloss sich auf Anregung Stauffenbergs der Mitverschwörer General Stieff, im Schloss Klessheim bei Salzburg anlässlich einer Vorführung neuer Uniformen Hitler umzubringen. Stieff versagten die Nerven, er war nicht in der Lage das Attentat auszuführen. Daraufhin fasste Stauffenberg den folgenschweren Entschluss, nicht nur, wie geplant, den Aufstand von Berlin aus zu dirigieren, sondern vorher am gleichen Tag persönlich auch das Attentat mit einem Schlag gegen Hitler, Himmler und Göring zu verüben. Stauffenberg war keineswegs von Anfang an Gegner des Regimes. Anfänglich begrüßte er z. B. die Aufkündigung des Versailler Vertrages durch Hitler. Er weigerte sich jedoch, der NSDAP beizutreten. Nach der Reichspogromnacht 1938 ging er allmählich auf Distanz zum Regime. Nach dem siegreichen Feldzug gegen Frankreich im Sommer 1940 erlag er kurzfristig der nationalen Euphorie, die durch den erfolgreichen Frankreichfeldzug ausgelöst worden war. Das endgültige Umdenken setzte ein Jahr später mit dem Angriff gegen die Sowjetunion ein. Stauffenberg empörte sich über die planmäßigen und massenhaften Morde der SS und der SD–Einsatzgruppen hinter der Front. Dies und die frühzeitig Überzeugung, dass der Krieg schon längst verloren sei, waren wie bei vielen Widerständlern aus der Wehrmacht bedeutsame Motive, den Diktator töten zu wollen. Sein innerer Konflikt zwischen seinem Soldateneid auf Adolf Hitler persönlich einerseits und seiner Gewissensnot andererseits wird besonders an diesem Ausspruch deutlich:[5]
Seit dem 1. Juli 1944 hatte er als neu ernannter „Chef des Stabes beim Befehlshaber des Ersatzheeres“ bei Generaloberst Friedrich Fromm regelmäßigen Zugang zu den Lagebesprechungen Hitlers. Stauffenberg plante zunächst, mit einem Bombenattentat Hitler, Hermann Göring und Heinrich Himmler gleichzeitig zu töten. Am 15. Juli 1944 versuchte er, zwei in einer Aktentasche versteckte kleine Bomben bei einem Zusammentreffen mit Hitler auf dem Obersalzberg zu zünden. Auf telefonische Empfehlung der Offiziere in der Berliner Bendlerstraße brach er das Attentat ab, weil nur Hitler, nicht aber Göring und Himmler anwesend waren. Bearbeiten Der Tag des Attentats und seine FolgenAm frühen Donnerstagmorgen des 20. Juli 1944 flog Oberst Graf von Stauffenberg zusammen mit seinem Adjutanten, Oberleutnant von Haeften, von Rangsdorf bei Berlin mit einer He 111 in das Führerhauptquartier Wolfsschanze bei Rastenburg (Ostpreußen). Haeften führte in einer Aktentasche zwei von Oberst Wessel Freiherr von Freytag-Loringhoven beschaffte englische Ein-Kilogramm-Sprengstoffladungen mit lautlosen chemischen Zündern mit sich. Stauffenberg erfuhr erst kurz nach seiner Ankunft im Führerhauptquartier, dass die Lagebesprechung um eine halbe Stunde vorverlegt wurde, weil Hitler für den Nachmittag den Besuch Benito Mussolinis erwartete. Das geplante Attentat drohte zu scheitern, da es zunächst keine Gelegenheit zu geben schien, die auf etwa zehn Minuten programmierten Zeitzünder an den Sprengsätzen zu aktivieren. Vor der Erstattung seines Berichtes an Hitler gab Stauffenberg vor, an diesem heißen Sommertag sein Hemd wechseln zu müssen. Da er als Einhändiger dazu Hilfe brauchte, konnte er gemeinsam mit von Haeften die Sprengladungen in einem Nebenraum vorbereiten. Nach der Zerstörung der Säurekapseln an den chemischen Zündern blieben nur noch 10 Minuten bis zur Explosion. Weil Stauffenberg vom hereinkommenden Oberfeldwebel Werner Vogel gestört wurde, der ihn zur Eile antrieb, konnte er nur die erste Ein-Kilogramm-Bombe statt der geplanten zwei Bomben schärfen. Danach unterlief dem Berufsoffizier, der offenbar nur begrenzte Kenntnisse von Sprengstoffen hatte, möglicherweise wegen der großen Nervenanspannung ein folgenschwerer Fehler. Statt auch das zweite Paket ohne Zünder zusammen mit dem scharfen Sprengstoffpaket in seiner Aktentasche unterzubringen, deponierte Stauffenberg nur das eine geschärfte Kilogramm Sprengstoff in seiner Tasche. Die Explosion des scharfen Paketes hätte nach dem Urteil von Experten auch das Paket ohne Zünder explodieren lassen, was unzweifelhaft zum Tode aller Anwesenden in der Lagebaracke geführt hätte. Stauffenberg deponierte seine Aktentasche mit der Bombe unweit von Hitler unter dem Besprechungstisch und verließ den Raum unter dem Vorwand eines wichtigen Anrufes aus Berlin. Um 12:42 Uhr detonierte die Bombe. Vier Personen wurden schwer verletzt und erlagen ihren Verletzungen kurz darauf. Fast alle anderen 20 Anwesenden wurden verletzt. Hitler selbst erlitt jedoch nur leichte Verletzungen (Prellungen, Schürfwunden sowie Blutergüsse). Wie der spätere General der Bundeswehr Heusinger berichtet, trug er Hitler gerade zur Lage weit im Norden der Sowjetunion vor; deshalb lagen beide Männer fast, weit über die riesige Karte gebeugt, auf der dicken Tischplatte, als es zur Detonation kam. Vor allem deshalb war Hitler vor der Bombenexplosion einigermaßen geschützt. Hinzu kam, dass ein Konferenzteilnehmer die zunächst nahe bei Hitler auf dem Fußboden stehende Aktentasche etwas weiter weg, hinter die massive Abstützung des Konferenztisches gerückt hatte, um selbst besser an den Tisch heranzukommen. Die massive eichene Tischplatte fing dann die Wucht der Detonation großteils auf und schirmte Hitler von der direkten Wirkung ab. Außerdem verpuffte die Druckwelle der Explosion wegen der mangelhaften Verdämmungswirkung der Besprechungsbaracke. Ein großer Teil der Explosionsenergie konnte durch die geöffneten Fenster entweichen. Fälschlicherweise wird oft behauptet, die Besprechung hätte eigentlich im unterirdischen Bunker stattfinden sollen. Seit Ende Februar 1944 wurden die Lagebesprechungen immer auf dem „Berghof“ bei Berchtesgaden abgehalten, und seit dem 14. Juli wieder in der Wolfsschanze. Stauffenberg war aber schon am 15. Juli bei der Lagebesprechung in der Baracke gewesen und kannte die Örtlichkeit. Sicher ist anzunehmen, dass bei der Explosion von einem Kilo Sprengstoff im Bunker alle Anwesenden ums Leben gekommen wären. Stauffenberg hatte jedoch gar nicht mit der viel größeren Verdämmung im Bunker gerechnet, sondern viel eher mit der Verwendung von zwei Kilogramm Sprengstoff. [6] Hitler gewann nach dem gescheiterten Attentat neue Zuversicht. Er betrachtete es als ein Zeichen der „Vorsehung“, dass er den Angriff überlebt hatte. Stauffenberg und sein Adjutant Haeften konnten aus der in höchstem Alarmzustand befindlichen Wolfsschanze entkommen. An einer ersten Sperre ließ sie der Wachhabende passieren, am zweiten Kontrollpunkt wurde ihnen die Weiterfahrt jedoch unter Hinweis auf die aktuelle Lage zunächst verwehrt. In einem Telefonat konnte Stauffenberg einen ihm bekannten Offizier dazu bewegen, dem diensthabenden Wachposten die Öffnung der Schranke zu befehlen. Während der Fahrt zum Flugplatz warf Haeften die ungeschärfte Bombe aus dem offenen Wagen. Auf dem Rollfeld erwartete Stauffenberg die für diesen Tag für ihn persönlich abgestellte He 111. Er flog mit Haeften in der festen Überzeugung nach Berlin, dass Hitler tot sei. In Berlin sollten unter dem Codewort „Walküre“ alle Gestapo-, Partei- und SS- Dienststellen von der Wehrmacht besetzt werden. Es war jedoch nur halbherzig vorgegangen worden. Verunsichert durch erste Meldungen, der „Führer“ sei am Leben, führten die auf Verschwörerseite stehenden Truppenführer vielfach die Befehle nicht aus, wodurch wertvolle Zeit ungenutzt verstrich. Die geplante Besetzung des Reichsfunks fand nicht statt. Der Walküre-Plan war ein offizieller, aber durch von Tresckow und Stauffenberg für die Bedürfnisse des Staatsstreichs angepasster Plan für den Fall innerer Unruhen. Lediglich in Paris und ansatzweise in Wien gelang es, die manipulierten Befehle der Operation Walküre umzusetzen. In groß angelegten Aktionen wurden in diesen beiden Städten Mitglieder der SS verhaftet. Erst als das Scheitern des Anschlags offenbar wurde, gewannen die Hitler treuen Kräfte wieder die Oberhand. Stauffenberg musste bei seiner Ankunft im Berliner Bendlerblock, dem Oberkommando des Heeres und der Verschwörer-Zentrale, gegen 16:30 Uhr feststellen, dass außer der Alarmierung der Truppen des Ersatzheeres, das die militärische und vollziehende Gewalt in Deutschland übernehmen sollte, nichts unternommen wurde. Es fehlten eindeutige Nachrichten über den Erfolg des Attentates auf Hitler. Warum kam es trotz des gut geplanten Attentats nicht zum Sturz des Hitler-Regimes? Dafür gab es zwei Hauptgründe:
Erst nach Stauffenbergs Ankunft im Bendlerblock gegen 16:30 Uhr, und damit zu spät für ein Gelingen der Aktion, gingen Befehle für den Staatsstreich hinaus, die jedoch umgehend von der Wolfsschanze aus widerrufen wurden. Es scheiterten die Abriegelung des Berliner Regierungsviertels in der Wilhelmstraße, die Ausschaltung des Rundfunks in Berlin-Charlottenburg, die Verhaftung der SS-Führung und die Besetzung der Gestapozentrale in der Prinz-Albrecht-Straße. Gegen 18:00 Uhr überzeugte sich der als fanatischer Nationalsozialist geltende Kommandeur des Wachbataillons „Großdeutschland“ Major Otto Ernst Remer, der das Regierungsviertel absichern und Goebbels festnehmen sollte, durch ein von Goebbels vermitteltes Telefongespräch mit Hitler („Major Remer, erkennen Sie meine Stimme?“) vom Überleben des „Führers“. Er erhielt von diesem das Kommando über die gesamte Hauptstadt übertragen. Die Gegenkräfte des Putsches gewannen allmählich die Kontrolle. Gegen 23 Uhr wurden der Bendlerblock gestürmt und die meisten der dortigen Verschwörer nach einem Schusswechsel festgesetzt. Nur Stauffenbergs zweiter Adjutant, Hauptmann Klausing, und einige jüngere Offiziere (von Hammerstein, von Oppen, von Kleist) konnten aus dem Gebäude entkommen. In Paris und Wien gelang es den Verschwörern, die dortigen SS–Einheiten unter Kontrolle zu bringen und die Oberhand zu gewinnen. Diese Tatsache konnte später von den örtlichen Verantwortlichen vertuscht werden. Die SS hatte sich viel zu leicht und vor allem kampflos entwaffnen und inhaftieren lassen (was Hitler, wäre ihm dies zu Ohren gekommen, mit Sicherheit nicht toleriert hätte), womit in Paris und Wien Wehrmacht und SS ein großes, gemeinsames Interesse an einer Vertuschung der Aktion hatten. Im Hof des Bendlerblocks wurden wenige Minuten nach Mitternacht Stauffenberg, Haeften, der General der Infanterie Friedrich Olbricht und Oberst Albrecht Mertz von Quirnheim – von Soldaten und einzeln – vor einem Sandhaufen und im Scheinwerferlicht eines Lastwagens erschossen.[7][8] Die Erschießung der Verschwörer war von Generaloberst Friedrich Fromm unter Berufung auf ein angeblich stattgefundenes Standgericht befohlen worden.[9] Fromm lag daran, seine eigene Verstrickung in die Attentatspläne zu vertuschen. Er wurde dennoch, nachdem eine Liste der geplanten Regierung in seinem Safe gefunden worden war, später angeklagt, zum Tode verurteilt und hingerichtet. Dem Generaloberst a.D. Ludwig Beck gab Fromm auf die Bitte, die Dienstwaffe „für den eigenen Gebrauch“ behalten zu dürfen, zuvor Gelegenheit, sich selbst zu töten: Da sich Beck beim ersten Versuch nur einen Streifschuss und beim zweiten nur eine nicht sofort tödliche Kopfverletzung beibringen konnte, wurde er auf Befehl Fromms durch den Gnadenschuss eines Feldwebels von seinem Leiden erlöst. Nachdem die fünf toten Offiziere auf Anordnung Fromms zunächst in Uniform mit ihren Orden und Ehrenzeichen auf einem Berliner Friedhof begraben wurden, ließ Heinrich Himmler am nächsten Tag die Leichen exhumieren. Auf Befehl Himmlers wurden sie verbrannt und ihre Asche über die Rieselfelder der Berliner Kläranlage verteilt. Erst gegen 1 Uhr nachts[10] trifft der aus dem 90km entfernten Königsberg angeforderte Übertragungswagen der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft an der Wolfsschanze ein und wird betriebsbereit gemacht, so dass sich Hitler über den Rundfunk an die Öffentlichkeit wenden konnte: „Eine ganz kleine Clique ehrgeiziger, gewissenloser und zugleich verbrecherischer, dummer Offiziere hat ein Komplott geschmiedet, um mich zu beseitigen und mit mir den Stab praktisch der deutschen Wehrmachtsführung auszurotten.“[11] Der Diktator kündigte unmissverständlich an: „Diesmal wird so abgerechnet, wie wir das als Nationalsozialisten gewohnt sind.“ Generalmajor Henning von Tresckow, Chef des Stabes der Heeresgruppe Mitte, beging Suizid; er ahnte, dass ein Schauprozess bevorstand. Tresckow ließ sich in die Nähe der Front fahren und zündete an einem Waldrand eine Gewehrgranate. Er starb sofort. Tresckow hatte dafür gesorgt, dass sein Freitod als Folge des angeblichen Angriffs feindlicher Partisanen dargestellt wurde. Die Ermittlungen der Gestapo zogen sich bis zum Mai 1945 hin. Neben den Verschwörern fielen auch zahlreiche andere Oppositionelle der NS-Justiz zum Opfer, die schon länger das Missfallen des nationalsozialistischen Regimes erregt hatten, aber nicht in das Attentat verwickelt waren. Man geht insgesamt von ca. 1.500 Inhaftierungen und 200 Exekutionen aus. Im Gefolge des Attentats wurde am 2. August 1944 der sogenannte Ehrenhof der Wehrmacht errichtet, dessen Aufgabe darin bestand, die möglicherweise am Attentat beteiligten Offiziere aus der Armee auszuschließen. Für diejenigen Offiziere, die vom Ehrenhof aus der Wehrmacht als „unehrenhaft“ (zu „Schützen“ degradiert) entlassen wurden, war das Militärstrafrecht nicht anwendbar und deshalb das Reichskriegsgericht nicht zuständig. Sie konnten aufgrund dieser Formalie vom Volksgerichtshof in Schauprozessen unter dem Vorsitz von Roland Freisler abgeurteilt werden. Im Gerichtssaal waren die Angeklagten massiven Demütigungen ausgesetzt – so musste sich beispielsweise Erwin von Witzleben während der Verhandlung die Hose festhalten, da ihm die Gestapo den Gürtel abgenommen hatte. Gleichzeitig wurde er durch Roland Freisler als „dreckiger alter Mann“ beschimpft, der an seiner Hose herumnestele. Die Vollstreckung der Todesurteile erfolgte meist nur wenige Stunden nach ihrer Verkündung. Die Opfer wurden in Berlin-Plötzensee an Fleischerhaken an Stahlkabeln aufgehängt. Eine Kamera filmte den Todeskampf der Verurteilten, die Aufnahmen wurden direkt an das Führerhauptquartier weitergeleitet. Alle Bänder sind heute verschollen. Bearbeiten Die 24 Teilnehmer an der LagebesprechungAusgehend von Hitler nach rechts befanden sich in der Lagerbaracke:
(†) = sofort getötet oder später seinen Verletzungen erlegen Bearbeiten Bewertung durch das AuslandAuch im Ausland wurde der versuchte Umsturz zunächst herabgewürdigt, um den damaligen Feind als moralisch minderwertigen, zerbrechenden monolithischen Block darzustellen. Winston Churchill, der von den Attentatsplänen im Voraus unterrichtet war, erklärte am 2. August 1944 im britischen Unterhaus, es handle sich lediglich „um Ausrottungskämpfe unter den Würdenträgern des Dritten Reiches“. Weiter kommentierte er das Attentat: „Die führenden Persönlichkeiten des Deutschen Reiches bringen sich gegenseitig um, oder sie trachten sich nach dem Leben; aber ihre Tage sind gezählt.“ Die USA wiederholten die von Hitler vorgegebene Interpretation des Ereignisses. Die New York Times schrieb am 9. August 1944, das Attentat erinnere eher an einen Kontenausgleich in der „Atmosphäre einer finsteren Verbrecherwelt“. Es handele sich nicht um ein Verhalten, wie man es „normalerweise vom Offizierscorps eines Kulturstaates“ erwarten würde. Ilja Ehrenburg schrieb im „Roten Stern“, Hitlerdeutschland werde nicht von meuternden Offizieren in die Knie gezwungen, sondern von der Roten Armee und ihren Verbündeten. „Unsere Armeen sind schneller als das Gewissen der ‚Fritzen‘.“ Noch heute betrachtet man in West- und mehr noch in Osteuropa den 20. Juli 1944 weiterhin als eher vernachlässigbare Fußnote der deutschen Geschichte. Bearbeiten Heutige Bewertung durch die GeschichtswissenschaftDie Ereignisse vom 20. Juli 1944 wurden überwiegend von Mitgliedern der Wehrmacht und der Polizei getragen, dennoch sind sie nicht als reiner Militärputsch zu bewerten. Die NS-Propaganda brandmarkte in einer Neuauflage der Dolchstoßlegende Stauffenberg und die Verschwörer des 20. Juli als feige Landesverräter, die dem Deutschen Reich in Zeiten höchster Not in den Rücken gefallen seien. Die nationalsozialistische Interpretation des Attentats wirkt bis heute nach. 1. Das Hauptmotiv für die mutige Aktion war bei einigen Verschwörern wie Stauffenberg, Tresckow, Bussche und anderen klar das Entsetzen über das mörderische Regime Hitlers. Andererseits ist es bei der heterogenen und großen Gruppe der Widerständler des 20. Juli 1944 schwer, Motive zu nennen, die für alle Teilnehmer gleich maßgeblich waren. Die heutige deutsche Geschichtsschreibung hebt überwiegend das von ihr sogenannte „nationale Interesse“ als entscheidenden Ansporn für die meisten der opponierenden Militärs. „Nationales Interesse“ ist in der Sprache dieser Wissenschaftler ein Kürzel für die Einigkeit der Verschwörer in der negativen Beurteilung des Dilettantismus Hitlers in kriegsstrategischen Fragen und die seit 1942 eingetretene aussichtslose Lage an den meisten Fronten, die zwangsläufig in einer Katastrophe mit Millionen von Toten enden müsse. Die sich abzeichnende militärische Niederlage müsse im nationalen Interesse Deutschlands verhindert werden und dies ginge nur unter der Beseitigung der Person Hitlers. Das nationale Interesse rechtfertige den Hochverrat. 2. Von 1938 bis 1940 war das „nationale Interesse“ im Offizierskorps mit Sicherheit ausschlaggebend. Für diese Annahme spricht insbesondere, dass die militärische Opposition nach dem Frankreichfeldzug 1940 auf einen kleinen Kern zusammengeschmolzen war, auch bedingt durch den unverhofft schnellen und leichten Sieg über den „Erbfeind“, der Deutschland 1939 den Krieg erklärt hatte. Im Jahre 1941 dagegen überfiel das Deutsche Reich die verbündete Sowjetunion, erzielte trotz großer Bodengewinne keinen entscheidenden Erfolg, und hinter den Fronten fanden Massenhinrichtungen statt. Seitdem nach der Kapitulation der 6. Armee in Stalingrad im Januar 1943 ein Sieg gegen die Sowjetunion unwahrscheinlich geworden war, wurde es wieder leichter, neue Männer für den Widerstand zu gewinnen. 3. Vielen der Männer des 20. Juli war es im Verlaufe der Kriegsjahre ein immer größer werdendes Bedürfnis geworden, einen Aufstand gegen die verbrecherische Politik Hitlers hinter der Front zu führen. Sie waren in zunehmendem Maße Zeugen von systematischen Massentötungen von Unschuldigen geworden, die sie mit ihrer Offiziersehre und ihrem Gewissen nicht in Einklang brachten. Mitunter fürchteten diese Männer eine langfristige Schädigung des deutschen Rufs und eine Auferlegung moralischer Schuld für kommende Generationen. Mit dieser Argumentation hatte Tresckow schon nach der Bekanntgabe des Kommissarbefehls vergeblich versucht, seinen Vorgesetzten zu einem offiziellen Protest bei Hitler zu bewegen. 4. Andere Interpretationen stellen den immer näher rückenden und unvermeidlichen militärischen Zusammenbruch Deutschlands als Motiv für den Umsturzversuch in den Vordergrund. Insbesondere marxistisch orientierte Historiker sehen den Putsch als Versuch einiger „Hitleroffiziere“ aristokratischer Herkunft, Deutschland eine Besetzung, den Adeligen den Verlust ihres Landbesitzes im Osten und der Offizierskaste den Verlust ihrer Privilegien zu ersparen. Der wahre Widerstand sei von der KPD und der Roten Kapelle ausgegangen. Einige Historiker wie Andreas Hillgruber räumen dem gescheiterten Attentatsversuch Georg Elsers vom 8. November 1939 und der Flugblattaktionen der Weißen Rose in der Universität von München am 18. Februar 1943 größere Bedeutung als der Verschwörung des 20. Juli 1944 ein, weil beide demokratischen Charakter gehabt hätten. Stauffenberg dagegen sei Monarchist und daher kein Demokrat gewesen. Joachim Fest und andere sagen Stauffenberg sei zwar Monarchist und damit kein Republikaner, aber durchaus Demokrat gewesen. 5. Festzuhalten ist, dass auch einige radikale Antisemiten und Kriegsverbrecher an der Verschwörung des 20. Juli beteiligt waren, so z. B. der Generalquartiermeister Eduard Wagner, der Mitverantwortung für den Tod von Millionen sowjetischer Kriegsgefangener trug und der sich aus Furcht vor der Rache der Roten Armee dem Widerstand angeschlossen hatte. Zum engeren Kreis zählt auch der 1944 hingerichtete Arthur Nebe, der als Kommandeur der SS-Einsatzgruppe B zahlreiche Massaker an Juden und anderen Zivilisten zu verantworten hatte und als Chef des Reichskriminalpolizeiamtes im RSHA einer der Hauptverantwortlichen für den Völkermord an den Sinti und Roma war. Ebenfalls zum Kreis der Mitverschwörer gehörte der Berliner Polizeipräsident, Wolf-Heinrich Graf von Helldorf, der sich als alter Parteigenosse schon vor 1933 bei Übergriffen gegen Juden hervorgetan hatte. 6. Demgegenüber haben nachweislich 20 Beteiligte vor dem Volksgericht die verbrecherische Ausrottung der Juden als Hauptbeweggrund für ihr Handeln genannt. Die meisten Historiker unterstellen einem Teil der Männer des 20. Juli unter dem Eindruck der brutalen, aggressiven und verbrecherischen Gewaltpolitik Hitlers einen Lernprozess, der von anfänglicher Zustimmung zu entschiedener Ablehnung geführt habe. Die Geschichtsforschung betont in diesem Zusammenhang das klare Bekenntnis der Verschwörer zu ihrer Tat – auch um den Preis des eigenen Lebens. Keiner der Angeklagten ließ sich vor Freislers Volksgerichtshof psychisch brechen oder versuchte, durch Ausflüchte den eigenen Kopf zu retten. Nach Meinung vieler Wissenschaftler verleiht die konsequent klare, aufrechte Haltung den Widerständlern aus dem Offizierskorps besondere historische Bedeutung. Stellvertretend für diese Haltung lässt sich folgendes Zitat von Henning von Tresckow anführen: „Der sittliche Wert eines Menschen beginnt erst dort, wo er bereit ist, für seine Überzeugung sein Leben zu geben.“ Bearbeiten Bewertung nach 1945Im geteilten Nachkriegsdeutschland war die Haltung gegenüber dem Attentat des 20. Juli 1944 uneinheitlich. In Westdeutschland wurden die Männer des 20. Juli 1944 in den Medien und der Politik bald zu Helden stilisiert, wohingegen die ostdeutsche Bevölkerung in der DDR mit diesem Datum eher wenig anfangen konnte und bei der Masse der Deutschen im Westen und im Osten durchaus auch noch der Verratsvorwurf der NS-Medien des Juli 1944 Nachwirkung zeigte. In der Sowjetischen Besatzungszone bzw. der DDR gab das SED-Regime die allgemein-verbindliche Sichtweise unmissverständlich vor, indem sie die Männer des 20. Juli zunächst als „reaktionäre Agenten des US-Imperialismus“ bezeichnete. Später wurden sie im Sinne der marxistischen Geschichtstheorie eher in die Kategorie der „nützlichen Idioten“ eingestuft, also als ursprünglich arbeiterklassenfeindliche Elemente, die jedoch die deutschen Arbeitermassen und die siegreiche Sowjetarmee bei ihrem Kampf gegen den Faschismus unbewusst unterstützt hatten. Um 1980 besann sich die SED-Führung ihrer preußischen Tradition und bewertete die Teilnehmer des 20. Juli verhalten positiv. Im internationalen Filmmehrteiler Befreiung, der unter der Leitung der Sowjetunion von 1969 bis 1972 produziert wurde, nimmt der Attentatsversuch einen recht großen Raum ein und wird deutlich positiv dargestellt. Bearbeiten Unmittelbare Nachkriegszeit in WestdeutschlandDas Attentat des 20. Juli 1944 entfaltete trotz seines Scheiterns nach Kriegsende eine beachtliche Wirkung. Während sich dieses Datum unter den ehemaligen und zukünftigen Soldaten durch heftige Konflikte hindurch als die wesentliche Wurzel der Konzeption Innere Führung für eine neuartige Armee durchsetzte, blieb es bei der Mehrheit der Bevölkerung zunächst ein ungeliebtes und vorwiegend durch Gedenkreden am Leben gehaltenes Erbe. [12] Joachim Fest erklärt die anfängliche Ablehnung innerhalb der Zivilbevölkerung nach dem Kriege durch die in wesentliche Positionen der Bundesrepublik Deutschland gelangten Nationalsozialisten und ehemalige Nationalsozialisten, die sich ihr eigenes Versagen oder Mitläufertum nur ungern regelmäßig vor Augen führen lassen wollten. Die nach links gerückten Nachfolgegenerationen, vor allem die 68er, wollten es nur ungern wahrhaben, dass der maßgebliche Widerstand gegen den deutschen Faschismus nicht von Arbeitern und Bauern, sondern von Grafen und Generalen geleistet wurde. Noch Anfang der sechziger Jahre hielt jeder vierte Deutsche Stauffenberg und seine Mitverschwörer für Verräter. Bearbeiten Medien und GedenkredenIn den Medien und den seit 1946 stattfindenden Gedenkreden zum 20. Juli ist eine Tendenz festzustellen, den 20. Juli positiv zu bewerten. Diese Tendenz setzte sich nach dem Wegfall der Lizenzierungspraxis der Medien 1949 vollends durch. Auch wenn der Begriff „political correctness“ damals noch nicht gebräuchlich war, wurde innerhalb der bundesrepublikanischen Eliten jede Stellungnahme gegen den 20. Juli 1944 vor allem nach dem Remer-Prozess 1952 zunehmend als ein Verstoß gegen das empfunden, was heute Political Correctness genannt wird, und entsprechend scharf kritisiert. [13] Von Anfang an erfolgte in den Gedenkreden neben einer Verteidigung gegen die mannigfaltigen Vorwürfe gegen die Männer und Frauen des 20. Juli 1944 eine Funktionalisierung des 20. Juli: nach Außen zur Widerlegung der Kollektivschuldthese, nach innen zur Stiftung einer neuen Identität in einer Tradition der Freiheit. Dabei wurde dem Widerstand angesichts der mehr oder wenig offensichtlichen Unfähigkeit der Deutschen, mit ihrer eigenen Verstrickung in das Unrecht und die eigene Schuld umzugehen, stellenweise auch eine Katharsisfunktion zugestanden[14] zugeschrieben, die – z. B. noch 1958 bei Carlo Schmid, einem prominenten SPD-Mitglied – in einer pseudo-christlichen Opfer-Rhetorik gipfelte: „Sie, die unter dem Beil, die am Galgen, die in den Gaskammern, am Pfahle gestorben sind, haben stellvertretend auch für uns gehandelt; der harte Lorbeer, den sie, einer Dornenkrone gleich, in ihre Stirne gedrückt haben, hat die Schuld weggenommen, die auf uns lastete.“ [15] Ab 1953 verknüpften viele Gedenkredner den 20. Juli 1944 mit dem 17. Juni 1953 als aufeinander folgende Fanale des Freiheitswillens einer deutschen Bevölkerung in einer Diktatur. [16] Bearbeiten PolitikermeinungenWas die politische Auseinandersetzung zum Thema „20. Juli“ angeht, zeigen sich in der Untersuchung der Plenarprotokolle des Deutschen Bundestages in Nuancen unterschiedliche Haltungen, wobei handfest negative Äußerungen im gesamten Untersuchungszeitraum in den Debatten ausgeblieben sind – selbst von Angehörigen der KPD oder der rechtsextremen Sozialistischen Reichspartei (SRP). Allerdings unterblieben eindeutige und signalhafte Stellungnahmen – beispielsweise im Rahmen der Wiedergutmachungsgesetzgebung – im Bundestag und von Seiten der Bundesregierung ganz. Auch die Implementierung eines durch das Erbe des 20. Juli geprägten differenzierten Gehorsamsrechtes im Soldatengesetz von 1956 kann – bei aller Relevanz für den militärischen Alltag – nicht als ein solches Signal überinterpretiert werden, da den meisten Abgeordneten wohl der militärische Sachverstand fehlte, um die Dimensionen dieser Entscheidung zu erkennen. Dass nie in Erwägung gezogen wurde, den 20. Juli als nationalen Gedenk- oder Feiertag einzuführen, ist zwar zu erwähnen, jedoch ex post kaum ernsthaft zu kritisieren. Öffentliche Gebäude in Westdeutschland wurden am 20. Juli bundesweit ab dem Jahr 1963 beflaggt. [17] und die Bundespost brachte im Jahr 1964 zum 20. Jahrestag eine Briefmarke zum Gedenken an den deutschen Widerstand in Umlauf. Bearbeiten Mehrheitsmeinung der westdeutschen BevölkerungDie Mehrheit der Bevölkerung Westdeutschlands hatte anfänglich zum Thema „20. Juli“ eine geteilte, weithin jedoch distanzierte Haltung. Dabei ergibt die ausführlichste Umfrage zum 20. Juli aus dem Jahr 1951 das Bild einer Dreiteilung: Ein Drittel verband mit dem Datum 20. Juli kein Ereignis oder hatte dazu keine Meinung. Ein weiteres Drittel äußerte sich positiv, das letzte Drittel hatte eine kritische Haltung zum Attentat.[18] Diese Meinungsverschiedenheit innerhalb der Bevölkerung wurde von Zeitgenossen durchaus als problematisch empfunden, besorgte Stellungnahmen zur Rezeption des 20. Juli – wie die folgende – waren vor allem bis 1952 an der Tagesordnung: „Oberste Pflicht eines jeden verantwortungsvollen Deutschen muss es […] sein, diesen unseligen Riss, der durch das Denken unseres Volkes geht, nach Möglichkeit zu überbrücken und allmählich ganz zu schließen.“ [19] Die Gründe für ein „Sich-nicht-auseinandersetzen-wollen“ weiter Teile der deutschen Bevölkerung lagen zum einen in den Vorurteilen, die sich als Folge der nationalsozialistischen Propaganda gegen die Widerstandskämpfer des 20. Juli in den Köpfen festgesetzt hatten, zum anderen in der herrschenden zur Verdrängung der persönlichern politischen Vergangenheit neigenden Grunddisposition der Bevölkerung. Die kritische Haltung der Bevölkerung erreichte im Rahmen des Erstarkens der Sozialistischen Reichspartei (SRP) und der Etablierung der Soldatenverbände kurz vor dem Remer-Prozess im Frühjahr 1952 einen Höhepunkt, sodass in diesem Zeitraum in der veröffentlichten Meinung vermehrt davor gewarnt wurde, dass „das Attentat auf Hitler den Mittelpunkt einer aktiven politischen Legendenbildung darstellt“. [20] Als Reaktion auf die intensive Berichterstattung des Prozesses und das Scheitern der SRP verringerte sich der Anteil der Kritiker des 20. Juli zumindest zeitweise, weshalb in der veröffentlichten Meinung nicht mehr in dem Maße vor einer neuen Dolchstoßlegende gewarnt wurde. Das Thema „20. Juli“ hatte fortan seinen explosiven Charakter verloren – zumindest im zivilen Bereich. Bearbeiten Verbreitete GespaltenheitEin Dilemma zog sich durch alle Institutionen, einschließlich der politischen Gruppierungen. „Für alle Parteien galt: Sie wollten sich für alle Deutschen öffnen – für ehemalige Nationalsozialisten ebenso wie für Verfolgte, für Mitläufer ebenso wie für die Opfer des NS-Regimes. Ein einseitiges Hervorheben der Männer und Frauen im Widerstand hätte sicher polarisierend gewirkt und so manchen Mitläufer abgeschreckt.“[21] Insofern erklärt sich aus dem beschriebenen Zwiespalt auch die Ambivalenz in der Haltung der politischen Öffentlichkeit: auch manche Politiker mussten sich erst mit dem 20. Juli „anfreunden“. Viele von ihnen entstammten zwar der demokratischen Tradition der Weimarer Republik, bis auf wenige Ausnahmen aber hatten sie aber nicht dem Widerstand angehört.[22] Ein Vertreter dieser Gruppe war Konrad Adenauer. 1946 opponierte er als Mitglied des britischen Zonenbeirates aufs heftigste gegen den Antrag von Angehörigen der Widerstandskämpfer des 20. Juli auf finanzielle Unterstützung (Hinterbliebenenrente)[23] Acht Jahre später würdigte der Kanzler freilich die Widerstandskämpfer in einer Rundfunkansprache: „Wer aus Liebe zum deutschen Volk es unternahm, die Tyrannei zu brechen, wie das die Opfer des 20. Juli getan haben, ist der Hochschätzung und Verehrung aller würdig“. [24] Andere machten aus ihrer Ablehnung des Attentats keinen Hehl und änderten diese Ansicht auch nicht. Dieser Gruppe gehörte beispielsweise der Bundestagsabgeordnete Wolfgang Hedler aus der Deutschen Partei (DP) an, die in Adenauers erster Legislaturperiode eine Regierungskoalition mit der CDU/CSU gebildet hatte. [25] 1949 beschimpfte er in einer mit antisemitischen Ausfällen durchsetzten Wahlkampfrede[26] die Attentäter des 20. Juli so massiv, dass ihm daraufhin der Prozess gemacht wurde, nachdem der Deutsche Bundestag nach hitziger Debatte mehrheitlich seine Immunität aufgehoben hatte. [27] Die Tatsache, dass der inzwischen zur rechtsextremen DRP übergetretene Hedler in erster Instanz freigesprochen und erst vom Revisionsgericht zu einer neunmonatigen Bewährungs-Haftstrafe verurteilt wurde, zeigt exemplarisch, dass eine ambivalente Haltung gegenüber dem 20. Juli damals sogar auch in der westdeutschen Justiz verbreitet war. Bearbeiten Weitere Rezeptionsgeschichte bis zu GegenwartAls 1968 das Widerstandsrecht in das Grundgesetz aufgenommen wurde, spielte der 20. Juli 1944 in der politischen Debatte eine wichtige Rolle. Die Generation der Studentenbewegung von 1968 störte sich zwar intuitiv an Herkunft und rational an der unterstellten politischen Ausrichtung und dem Beruf der Mehrzahl der Widerständler: aristokratische Herkunft, konservative Gesinnung, Berufssoldatentum. So klassifiziert entsprachen die Mitglieder des Widerstandes dem Antitypus eines Mitglieds der Studentenbewegung: pseudo-proletarische Herkunft, anarcho-linke Ausrichtung und pazifistische Gesinnung, aber solche Vorurteile verhinderten nicht die Auseinandersetzung mit den selbstlosen Motiven der Widerständler, die bereit gewesen waren, für ihre Überzeugungen zu sterben. Auch in der DDR begann man, den 20. Juli unter einem neuen Blickwinkel zu sehen: Im bewussten Rückgriff auf die Geschichte setzte die erstmals frei und demokratisch gewählte Volkskammer die Neuvereidigung der NVA auf den 20. Juli 1990 fest. Die Bundeswehr führte wiederholt Gelöbnisfeiern an diesem historischen und symbolträchtigen Gedenktag durch. Zum 60. Jahrestag des gescheiterten Attentats 2004 fand in den Medien (unter anderem TV-Dokumentation Die Stunde der Offiziere von Guido Knopp, ausführliche Artikel der Nachrichtenmagazine Stern und Der Spiegel, Verfilmung Stauffenberg von Jo Baier) eine intensive Auseinandersetzung mit dem 20. Juli statt. In Umfragen zum Thema zeigte sich, dass vielfach Respekt und Bewunderung für die Widerständler empfunden werden. Nur noch ein geringer Prozentsatz an Befragten gab an, die Verschwörer zu verachten. Aus Anlass von Stauffenbergs 100. Geburtstag im November 2007 und zum Abschluss der Dreharbeiten für den Film Valkyrie schrieb Der Spiegel (Nr. 46 vom 12. November 2007, S. 179), erst jetzt sei der Höhepunkt in Stauffenbergs posthumer Karriere erreicht, die alles andere als selbstverständlich schien. Bearbeiten Filme
Bearbeiten Fußnoten
Bearbeiten Literatur
Bearbeiten Siehe auch
Bearbeiten Weblinks
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